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Brunos Tramnotizen – N°40

Es ging um Schulden, es hörte sich beklemmend an, und es war still diesen Morgen im 4er. Die beiden Mittfünfziger, das ging aus dem Gespräch hervor, kannten sich schon zu Schulzeiten und arbeiten heute als Abteilungsleiter im gleichen Unternehmen. Beide trugen sie teure Markenanzüge, der Blonde jedoch, auch das war offensichtlich, trug seinen Anzug schon viele Jahre, und seine rahmengenähten Schuhe dürften bereits mehrere Male neu besohlt worden sein. Angefangen hätte die leide Situation gleich nach dem Studium, als er eine eigene Wohnung bezogen habe und diese mit einem Kleinkredit möblierte. Damals schien das noch überblickbar, den Kredit habe er mit einer vierjährigen Laufzeit abgeschlossen. Doch dann heiratete er, er brauchte wieder Geld, wenig später wurde er Vater, alles begann von vorne, und seit er geschieden sei, das wären jetzt über zwanzig Jahre her, sähe er keinen Weg mehr aus der Schuldenfalle. Seit zehn Jahren müsse er zwar keine Alimente mehr zahlen, aber danach war es seine Mutter, die seit dem Tod ihres Mannes auf seine Unterstützung angewiesen sei. Inzwischen habe er zwei Kredite abzustottern, zusammen in der Höhe von einem Jahresgehalt. Wenn er Ende Monat alle Rechnungen bezahlt habe, bliebe ihm zum Leben weniger als dem Praktikanten in seiner Abteilung. Ferien seien längst tabu, ein Feierabendbier sei noch knapp drin, ein Auswärtsessen dagegen nicht, und mit Freunden an ein Konzert oder einen Match gehen, könne er sowieso nicht, dazu fehle ihm schlicht das Geld. Der Kollege räusperte sich und konstatierte, dass also das der Grund sei, warum er nie in den Ausgang mitkäme und an allen Anlässen fehle. Er verstehe trotzdem nicht, warum es ihm so mies gehe, sie beide hätten doch immer sehr gut und gleich viel verdient, er habe ein Haus und eine Ferienwohnung und... der Blonde unterbrach ihn, ja er wisse es. Der Unterschied sei, dass er schon in frühen Jahren ein kleines Starkapital gehabt hätte, eine Anzahlung für sein Haus habe hinblättern können und seither der Bank für die Hypotheken weniger zahle als er für seine Mietwohnung. Ausserdem arbeite auch seine Frau und Verpflichtungen gegenüber Dritten hätte er nie gehabt. Das alles sei schon ein bisschen komfortabler. Er selbst sei bereits mit Schulden ins Leben gestartet und hätte dann einfach Pech gehabt. Er wolle ja nicht jammern, er wisse, er sei selber schuld, jeder sei für sein Leben selbst verantwortlich. Aber jetzt müsse er ihm versprechen, niemandem zu sagen, dass er ihn vorige Woche in der Uniform gesehen habe. Das dürfe niemand erfahren. Er mache den Nebenjob als Nachtwächter nur so lange, bis er endlich seine Kredite abbezahlt habe und schuldenfrei sei.



23. November 2015


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