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Brunos Tramnotizen – N°39

Der Vater stieg mit seiner Tochter beim Opernhaus in den 2er, die Tochter giftete ihren Vater an, sie möchte endlich einmal seine Meinung erfahren, seine Meinung, und nicht die von anderen. Immer, wenn es um ein Thema ginge, das ihm unangenehm sei, ziere er sich zu sagen, was er denke. Er zähle lieber auf, was vielleicht andere dazu meinen würden, die Nachbarn, Bekannte und Freunde, die Lehrer im Gymi, die Leute auf der Strasse. Wenn sie ihren Vater bitte, zu einem Thema Stellung zu nehmen, dann wolle sie seine Meinung und nur seine Meinung hören. Der Vater versuchte vergeblich, den Redeschwall seiner Tochter zu bremsen, es war ihm peinlich, sie redete schliesslich nicht gerade leise. Er hob immerzu hilflos die linke Hand, wollte die Tochter abwinkend bitten, doch etwas leiser zu sein, es nutzte nichts. Selbstbewusst fuhr sie mit ihrer Schelte fort, mit einer Schelte, die eigentlich gar keine war, sie schien eher verzweifelt, sie bat um Hilfe. Sie wiederholte schon mehrmals, dass sie viel von ihm halte, aber sie verstehe nicht, dass er bei wichtigen Entscheidungen zwischen ihnen dauernd auf Dritte verweise. Als CEO würde er auch über die Köpfe seiner über hundert Mitarbeiter alleine sagen, was zu tun sei und nicht darauf verweisen, wie andere entscheiden würden. Wenn das im Geschäft so einfach sei, müsse das privat doch auch gehen. Der Vater strich sich etwas zittrig durchs Haar, machte den Mund auf und zu, sagte erst nichts, meinte schliesslich, privat sei das anders, das sei kein Geschäft, das mache es schwieriger. Er wolle sich nicht in ihr Leben einmischen, auch nicht in ihre Beziehungen, und schon gar nicht in ihre Zukunft. Er wolle sich später nicht vorwerfen lassen, er sei an einer Fehlentscheidung schuld. Die Tochter schaute ihren Vater ungläubig an, sagte, darum gehe es gar nicht, sie wolle nur seine Meinung hören, entscheiden würde sie ohnehin selbst. Jetzt fasste sich der Vater ein Herz und erklärte seinen Standpunkt. Aus ihrer Sicht sei es doch ohnehin so, dass die Alten mit allem, was sie sagen, daneben seien, die Jugend nicht verstünden. Als Vater könne er höchstens ein Veto einlegen, und das nur sehr leise. Er müsse sich einfach zurückhalten mit seiner Meinung. Die Tochter lächelte etwas verlegen, ob denn die Jugend in seinen Augen tatsächlich so schwierig sei. Nein, schwierig überhaupt nicht, meinte der Vater, aber mega bockig, brutal stur und sie sei als Tochter halt schon saumässig zickig! Die beiden begannen zu lachen, der Vater legte seinen Arm um die Schulter der Tochter und sagte, sie solle ihm jetzt sagen, was sie von ihm wissen wolle.

16. November 2015


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