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Brunos Tramnotizen – N°38

Der junge Vater alberte mit seinem Sohn Jonas herum, zeigte den fiesen Trick mit dem Hütchenspiel und bestand darauf, mit ihm so lange zu üben, bis er nicht mehr darauf hereinfalle. Das ältere Ehepaar, das gleichzeitig in den 4er stieg, amüsierte sich ob der Scherze der beiden. Auf einmal hielt Jonas inne und fragte seinen Vater, warum er nächste Woche erst am Samstag auf Besuch käme, er wisse doch, dass er am Mittwoch Geburtstag habe. Der Vater strich Jonas liebevoll über seinen Wuschelkopf, sagte, das sei eben so mit seiner Mama vereinbart. Jonas schluckte leer und meinte, man habe ihm ja erklärt, warum er und Mama nicht mehr zusammen wohnen, das habe doch mit ihm nichts zu tun. Der Vater räumte die drei Hütchen und die Kugel zusammen, steckte sie in die Jackentasche, legte den Arm auf Jonas’ Schultern und versicherte mit fester Stimme, nein, das habe mit ihm nichts zu tun. Man habe solche Regeln vereinbart, damit alle miteinander gut auskommen, so wie Freunde. Jonas liess nicht locker, wollte wissen, ob es ein Problem gäbe mit Mama, oder ob sie sich nicht mehr lieb hätten. Der Vater drückte Jonas zu sich, versicherte ihm, dass sie sich lieb hätten, es sei halt hie und da etwas kompliziert. Ob das wegen Charlie sei, wollte Jonas wissen. Nein, nein, beteuerte der Vater, das sei der Freund von Mama, das sei schon okay. Jonas’ Augen leuchteten kurz auf, ja, Charlie habe immer die neusten Games, er sei ein echter Computerfreak, nur von Fussball verstehe er nichts. Nach einer erneuten Pause wollte Jonas wissen, wie denn das mit Lea sei, ob er sie mehr lieb habe als Mama. Nein, erklärte der Vater, Lea wohne einfach bei ihm, so wie Charlie bei Mama. Jonas grübelte weiter, wenn sich alle lieb hätten, wäre es doch einfacher, wenn alle zusammen wohnen würden, da brauche es nicht zwei Wohnungen. Er übernachte dann immer im selben Bett und könne besser schlafen. Dem Vater machten die Fragen sichtlich Mühe, er nahm Jonas an der Hand und stieg mit ihm an der nächsten Station aus. Das Ehepaar sah den beiden nach und die Frau bemerkte, es sei schon komisch, wie das heute ablaufe und fragte, wie es früher war, so bei einer Scheidung. Der Mann dachte nach, murmelte nur – anders. Anders wie, wollte die Frau wissen, anders besser? Der Mann zögerte und sagte wieder nur – anders. Ja anders wie denn, enervierte sich jetzt die Dame. Der Mann schaute seine Frau an, sagte, man habe einfach nicht darüber geredet, die Kinder durften keine Fragen stellen, für die einen war das besser, für andere schlimmer. Anders eben.

9. November 2015


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