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Brunos Tramnotizen – N°37

Die drei Gymnasiastinnen beklagten sich über das fehlende Verständnis der Erwachsenen, sie hätten keine Ahnung von ihren Bedürfnissen und Problemen, sie hätten ganz offensichtlich vergessen, wie es damals war, als sie selbst jung gewesen seien. Der distinguierte Herr, der gleichzeitig in den 2er stieg, hörte den Mädchen mit wohlwollender Mimik zu. Die kleinste unter den drei, die Rothaarige, motzte, für sie sei sowieso unvorstellbar, wie man sich dermassen verändere, wenn man alt werde, ihrer Ansicht nach beginne dies ab 30, alle ü40 seien bereits mega alt. Ja, in diesem Alter werde man richtig langweilig, fuhr die Brünette am Fenster fort, das treffe sie zuhause besonders hart, wenn sie etwas unternehmen möchte und ihre Eltern dann krampfhaft und sinnlos nach irgend etwas suchen würden, was passieren könnte, etwas, was zu 99,99 Prozent gar nie möglich sei! Genau, meinte die Blonde, dann würden all die Angstszenarien aufgezählt und pechschwarz an die Wand gemalt. Die drei seufzten leise, dann fuhr die Brünette fort, irgendwie seien die Alten einfach vorsorgesüchtig. Sie müssten alles ab- und versichern. Sie würden sich richtiggehend quälen mit unvorhersehbaren Szenarien, die sowieso unkalkulierbar seien. Richtig, meinte die Blonde, die Alten würden Probleme herbeireden, die nur in der Fantasie existieren, die echten Probleme würden sie übersehen. Die Rothaarige lachte, und darum würden sie vor lauter Schiss alles versichern, wie Brillengläser, die gar nicht aus Glas sind, oder sie würden eine dreijährige Reparaturversicherung für ihr Handy abschliessen, das sie ohnehin längst vorher gegen ein neues austauschen. Die Blonde kicherte, und das verkaufen uns die Alten als Lebenserfahrung. Die drei Mädchen schauten sich schweigend an, dann eher zufällig hinüber zum Herrn, der mit ihnen ins Tram gestiegen war. Der lächelte sie freundlich an, räusperte sich, es sei schon so, wie sie das beschrieben hätten, das könne er betätigen, er sei auch mal so alt gewesen, wie die Alten, über die sie sich ärgern, inzwischen sei er wieder jung, mache mit seiner Freundin einen Haufen Blödsinn, und zuhause seien es jetzt seine Töchter, die sich so alt benehmen, wie die Alten, von denen hier die Rede sei. Seine Töchter wollen ihm alles verbieten, was mit ein bisschen Risiko verbunden sei. Es sei ein Elend, man habe das Gefühl, am Leben vorbeizuleben. Das grösste Risiko sei ohnehin, etwas wegen des Risikos nicht zu tun, das würde man dann schwer bereuen, denn das Leben dafür sei ohnehin zu kurz. Der Herr drückte den Türöffner, grinste und sagte beim Rausgehen, am Wochenende ginge er mit der Freundin Basejumpen, seine Töchter wüssten von nichts.

1. November 2015


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