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Brunos Tramnotizen – N°36

Es war wieder einmal Montag, in jeder Beziehung, es war grau und kühl, die Leute misslaunig und gereizt. Da waren die zwei jungen Frauen am Tiefenbrunnen ein tröstender Lichtblick, sie scherzten und lachten, waren ganz einfach unbeschwert und fröhlich. Der 4er hielt quietschend. Aus einer der Türen stieg ein Herr im dunklen Anzug, lief direkt auf die Frauen zu und an ihnen vorbei. Die Frauen erschraken sichtlich, die Blonde errötete, ihr Lachen von eben erstarrte, sie nahm eine unnatürlich steife Haltung ein, grüsste den Herrn mit einer gekünstelt hohen Fistelstimme, und obwohl sie mindestens einen halben Kopf grösser war als der Herr, sah es aus, als würde sie zu ihm empor schauen. Der Herr sagte kein Wort, auf seinen strengen Gesichtszügen war lediglich ein kurzes Zucken zu sehen, dazu nickte er knapp mit dem Kopf. Die beiden Frauen schauten sich kurz verdutzt an, stiegen in den 4er, setzten sich auf eine freie Bank. Schliesslich holte die Frau mit der dunklen Kurzhaarfrisur Luft, spöttelte, anstatt diesen perfiden Giftzwerg schlicht zu ignorieren, habe sie ihn hochachtungsvoll gegrüsst, sich dabei schier verbeugt. Die Blonde gab zickig zurück, der Typ sei ein guter Freund ihres Chefs, da hätte sie nicht anders gekonnt. Das sei eine schlechte Ausrede, motzte die Freundin, sie habe Charakter und auch einen Stolz, da hätte sie einfach höflich wegschauen sollen, anstatt vor dem skrupellosen Scharlatan in Ehrfurcht zu erstarren. Das sei pure Heuchelei, sie würde sich verleugnen, das passe nicht zu ihr. Die Blonde nervte sich, sie sei nur aus Angst vor Unannehmlichkeiten freundlich gewesen. Gut, lachte die Brünette, dann sei es eben gelogen gewesen. Lügen täte der Mensch ohnehin dauernd, man müsse allerdings schon unterscheiden: Lügen aus Höflichkeit, das ginge ja noch elegant durch, wenn man jemanden nicht enttäuschen wolle oder wenn man aus Rücksicht, Mitleid und Liebe lüge. Dann setzte die Brünette noch einen drauf, grinste verstohlen und sagte zur Blondine, hier sei sie einfach entschieden zu weit gegangen. Sie müsse sich doch einmal vorstellen, wenn der kleine Wichtsack über die Begegnung von eben auch nachdenken würde und zur Erkenntnis käme, dass sie ihn mit ihrem überfreundlichen Gebaren angelogen habe, dann wäre er nicht nur enttäuscht, er wäre tief verletzt, er würde Rache an ihr üben! Die Blonde drehte sich zur Brünette, zischte, sie sei ein gemeines Luder. Dann lachten beide lauthals heraus. Unbeschwert fröhlich waren die zwei, und davon konnte sie offenbar niemand abbringen, weder böse Männer noch ein grauer Montagmorgen.

25. Oktober 2015


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