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Brunos Tramnotizen – N°34

Die beiden Frauen stiegen an der Höschgasse in den 2er, sie glichen sich aufs Haar, wenn da nur der Altersunterschied nicht wäre, die ältere der beiden dürfte die Grossmutter, die jüngere ihre Enkelin sein, dachte ich und blieb neben ihnen an der Tür stehen. Beide waren sie sehr schick gekleidet, als würden sie auf dem Weg zur Oper sein oder zu einem sehr wichtigen Anlass, die Grossmutter, Jeanette hiess sie, war unglaublich nervös, setzte sich einmal auf die freie Bank hinter ihr, um dann gleich wieder aufzustehen, sie redete ohne Unterbruch, von einem Date, auf das sie sich wahnsinnig freue, sie habe ja schon ein halbes Leben darauf gewartet. Lea, so nannte sich die Enkelin, versuchte Jeanette derweil immer wieder zu beruhigen, kriegte das allerdings nicht richtig hin, dauernd musste sie kichern, als könnte sie es nicht fassen, was ihre Grossmutter da vor hatte. Jeanette kramte schon zum zweiten Mal ihre Geldbörse aus der Handtasche, fingerte ein halbes Dutzend Aufnahmen heraus, streckte das erste Foto rüber zu Lea, stotterte etwas von Matteo, süss sei er einfach gewesen, ihre erste echte Liebe, er sei damals 18 gewesen, sie ein Jahr jünger. Hier, ereiferte sich Jeanette weiter, nach dem sie sich ein Dutzend Jahre nicht mehr gesehen hätten, trafen sie sich beim Skifahren in Davos, auf dieser Aufnahme sei Matteo dreissig, sie hätten sich gleich ein zweites Mal verliebt. Und auf diesem Bild, nochmals zehn Jahre später, das sei auf den Malediven gewesen, beim Tauchen. Er sei einfach immer ihr Traummann gewesen. Jeanette setzte sich wieder hin, hatte ihre Augen halb geschlossen, ihre Hände zitterten. Lea lachte, wollte wissen, warum sie denn nicht beisammen geblieben wären und warum Jeanette ihn erst jetzt wieder sehe, jetzt, nochmals 25 Jahre später. Jeanette versuchte etwas zu sagen, kriegte keinen Laut heraus, stand wieder auf, fuhr sich durch ihre Kurzhaarfrisur, umarmte Lea, das Leben habe einfach so gespielt, sie solle nicht weiter fragen, es sei verrückt, sie freue sich wie ein Teeny, das mache ihr fast ein bisschen Angst. Wie er denn jetzt aussehe, fragte Lea. Jeanette griff zitternd nach ihrem Smartphone, zeigte die letzten Bilder, die ihr Matteo gesimst hatte. Lea hielt die Hand vor den Mund, die Augen weit offen, hauchte bewundernd, der sehe ja unverschämt toll aus. Ja, Matteo sei immer ein Weltenbummler gewesen, habe das Leben von den schönsten Seiten gelebt, es genossen, das sehe man. Jeanette steckte das Smartphone wieder ein, lachte laut, hüpfte auf einem Bein, drehte sich jauchzend um die eigene Achse, hielt sich dann an Lea fest, schaute ihr einen Moment vertrauensvoll in die Augen und sagte mit ernster Stimme, dass sie schon wisse, warum sie mitkomme, sie habe ihr hoch und heilig versprochen, auf ihre Grossmutter aufzupassen.

12. Oktober 2015


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