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Brunos Tramnotizen – N°32

Die zwei Frauen alberten schon am Stadelhofen herum, ganz offensichtlich wollte die eine nicht glauben, was ihr die andere erzählte. Als wir in den 4er stiegen, setzten sich die beiden auf die erste freie Bank, die Blonde im dunklen Deuxpièce, Gaby hiess sie, packte ihr Tablet aus, sagte, sie werde jetzt zeigen, das alles stimme, was sie ihr erzähle. Melanie, ihre Freundin, schaute neugierig auf das Display, schlug die rechte Hand vor ihren Mund, rief, dass dies jetzt echt nicht wahr sein könne, das sehe ja tatsächlich aus wie frisches Hackfleisch, und das solle völlig fleischfrei sein! Gaby lachte, das sei tatsächlich rein vegetarisch, die Leute würden total spinnen auf so Zeugs. Bereits die Schnitzel und Cordon-Bleus des gleichen Lieferanten seien immer rasch ausverkauft gewesen, statt aus Fleisch seien diese aus Hühnerei-Eiweiss, Rapsöl und Soja, laktosefrei und ohne deklarationspflichtige Geschmacksverstärker. Das habe allerdings immer etwas fade ausgesehen, auch die Nuggets und Buletten. Inzwischen habe es der Hersteller in etlichen Laborversuchen hingekriegt, aus den Vegi-Zutaten ein Fleisch-Imitat zu machen, das auch aussehe wie Fleisch. Mit dem Hackfleisch könne man Hamburger machen, die wie originale McDo’s aussehen, genauso appetitlich und verblüffend ähnlich im Biss. Melanie war entsetzt. Wenn man sich schon für vegetarischen Food entscheide, warum solle dann das Essen aussehen, als ob es aus der Metzgerei käme – das sei doch schizoid. Gaby lächelte, man sage ja, das Auge esse mit. Der Mensch würde nicht als Vegetarier geboren, Vegetarier seien Menschen, die sich irgend einmal entschieden haben, auf Fleisch zu verzichten, aus welchem Grund auch immer. Viele können sich allerdings nicht von dem Bild trennen, das sie zuvor von Essen hatten, die Macht der Klischees. Sie hätte im Marketing gelernt, dass die Menschen wohl in hohem Tempo Trends hinterher zu rennen vermögen, der Kopf und Bauch komme da allerdings nicht mit. Wenn der Mensch Hunger habe, würde der alleinige Anblick von Grünzeugs nicht satt machen, die Gewohnheiten liessen sich nicht so rasch ablegen, die Psyche beginne zu streiken. Melanie war baff. Das sei ja so etwas wie ein geistiger Salto rückwärts, Selbstbetrug oder schlicht fehlendes Denkvermögen. Gabi lachte, das sei ihr so etwas von egal, sie würden mit diesen Produkten sehr gut verdienen, die Margen seien gross und die Umsätze hätten sich in den vergangenen drei Jahren verfünffacht.

27. September 2015


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