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Brunos Tramnotizen – N°30

Schon an der Haltestelle schwatzte der Herr mit den Ohrstöpseln laut vor sich ins Leere, das Mikro hing lose etwas unter dem Kinn an einem dünnen Kabel, mit seinem Handy in der Rechten machte er dauernd waagrechte Bewegungen, als ob er alles, was er sagte, fett unterstrichen haben möchte. Die Linke hatte er in der Hosentasche. Als der 4er da war, stieg er ein, bevor die anderen aussteigen konnten, im Tram brauchte er mit seinen Bewegungen Platz für vier, mit seinem Geplapper unterhielt er auch die, die gar nicht zuhören wollten. Die Überfremdung sei einfach nicht mehr sozialverträglich, krächzte er, hustete, nahm seine Linke aus dem Hosensack, erhob den Zeigefinger, man stecke mit den Anliegen der Partei in einem Reformstau fest, die Politikverdrossenheit der Linken gelte es endlich zu bodigen. Und wenn die Mitte von Humankapital quassle, sei das einfach hirnrissig, die Schweiz sei nicht die EU, die der Ausländerschwemme Tor und Tür öffne, die Schweiz müsse eine national freie Zone bleiben. Die beiden jungen Herren auf der Sitzbank nebenan, die zuvor schweigend auf ihren Handys surften, hielten inne, schauten sich ungläubig an, dann rüber zu dem gestikulierenden Herrn, der jetzt über die Rot-Grünen polterte. Denen müsse man für alles ein Sparpaket aufzwingen, das gehe so nicht mehr weiter, was die produzieren sei Wohlstandsmüll. Ja, man müsse sich jetzt unbedingt auf griffige Parolen einigen, die dem Volk einheizen, es aufrütteln! Jetzt schien er seine Stimme schier zu verlieren, lupfte immerzu ein Bein, als wolle er hochspringen, wiederholte drei Mal hintereinander, das Volk müsse aufwachen, die Chancen seien noch nie so gut gewesen wie jetzt, es werde ein Superwahljahr! Er drückte den Türöffner, schimpfte beim Rausgehen laut und endlos weiter. Es kehrte eine merkwürdige Ruhe ein im Tram. Der junge Herr am Fenster schüttelte ungläubig den Kopf, fuhr sich durch die blonde Mähne, seufzte missbilligend, sagte nur: so-so. Der Sitznachbar mit Mütze fragte ihn, ob er wählen ginge. Der Blonde grinste, ja wen denn? Doch nicht den von eben! Nein, er ginge nicht mehr an die Urne. Die Botschaften der Politik seien farblos, ohne Substanz. Solange nicht wirklich etwas Ernstes passiere, seien die Politiker nur an ihren Wahlresultaten interessiert, für sich selbst und die Partei. Der Sitznachbar meinte, er wähle trotzdem. Der Blonde schaute ihn etwas irritiert an, fragte vorsichtig, wen denn? Der Sitznachbar nahm seine Mütze ab, sagte bedächtig, es sei tatsächlich oft schwierig, sich für das Richtige zu entscheiden, aber man täte sich und der Gesellschaft schon damit einen guten Dienst, wenn man einfach das geringere Übel ankreuze.

15. September 2015


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