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Brunos Tramnotizen – N°100

Der Herr im dunklen Anzug redete schon eine Ewigkeit in unerträglicher Lautstärke, er gestikulierte dabei mit dem Zeigefinger wild herum und machte unverständliche Faxen... es war zum Weghören und Wegsehen. Der junge Mann mit ausländischem Akzent hatte eigentlich nur ganz scheu nach einer Adresse gefragt, er sei fremd hier. Für die Leute war die Szene aber so urkomisch, dass sie sich wohl fragen mussten, ob das nun nur gespielt oder ob es doch tatsächlich real war... derweil gestikulierte der Herr weiter, deutete dauernd mit dem Zeigefinger erst auf den jungen Mann, dann in irgendwelche Himmelsrichtungen - ..."du müssen aussteigen nach zwei Stationen, dann du gehen zu Fuss diese Strasse... dort du schon sehen auf eine Seite eine grosse Haus, andere Seite eine Geschäft, dann du gehen linke Seite...". Der junge Mann stieg schliesslich aus, der Herr im blauen Anzug ebenso, er machte noch ein paar Faxen und Handbewegungen dem jungen Mann hinterher. Im Tram war es endlich still. Ganz still. Die zwei jungen Frauen, die neben der Türe sassen, lachten erst ungläubig, dann empörte sich die ältere der beiden, das sei schlicht zum fremdschämen. Ausländer, so würden viele meinen, verstünden grundsätzlich kein Deutsch. Man glaube offensichtlich hierzulande nicht, dass Menschen ausserhalb des europäischen Raums fähig seien, sich in einer für sie fremden Sprache zu verständigen. Und da gebe es solche Kultur-Ignoranten, wie diesen Herrn im Anzug, die doch tatsächlich meinen würden, sie müssten sich dadurch verständlich machen, dass man fremde Menschen duze und mit ihnen grammatisch falsch und in einer Art primitiver Kindersprache rede. Dazu würden solche Leute davon ausgehen, Ausländer seien ohnehin schwer von Begriff, man müsse darum vieles wiederholen und dabei ganz laut und eindringlich und möglichst mit dem auf die Person gerichteten Zeigefinger daherreden. Einen Moment schwiegen beide Frauen, dann meinte die jüngere, der Herr habe offensichtlich ein einfaches Gemüt, er habe es doch grundsätzlich gut gemeint. Gut gemeint, ja bestimmt, erwiderte die ältere, ein Trampel sei er trotzdem, einer ohne jeglichen Funken Anstand. Dazu käme, dass diese Unsitte im deutschen Sprachraum scheinbar in allen Gesellschaftsschichten gang und gäbe sei. Ja-ja, das sei tatsächlich unschön, gab die jüngere Freundin zu, doch schliesslich sei es auch der Ton, der ausschlaggebend sei, man könne so etwas sehr despektierlich tun oder, wie der Herr von eben, in einem zugegebenermassen plumpen und lauten Ton... aber hilfsbereit sei er doch immerhin gewesen. Die ältere Frau liess das nicht gelten, regte sich sichtlich auf, das sei niveaulos gewesen und unhöflich, nicht akzeptierbar! Die jüngere Frau mochte sich mit ihrer Freundin nicht zanken, gab nach und fragte "du mich haben lieb trotzdem noch es bitzeli?" Die ältere lächelte jetzt sanftmütig, na-ja, wenn sie so nett frage, könne sie das nochmals durchgehen lassen. Knapp.

16. Januar 2017


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